*|Die Stadtteilschreiberin beim Stadtteil-Service am Hesselnberg

Hurra, die Stadtteilschreiberin ist da! Die Journalistin Nicole Bolz tritt dem Stadtteilschreiber Jörg Degenkolb-Degerli mal zur Seite, mal gegenüber und schaut sich mit ihrem ganz eigenen Blick nach dem Leben in der Südstadt und am Hesselnberg um.

UNTERWEGS FÜR MEHR LEBENSQUALITÄT UND MITEINANDER

Einsam und unsichtbar. So lebt ein gar nicht mal so kleiner Teil der Menschen – manchmal auch in unserer Nachbarschaft gleich nebenan. Ihnen zu helfen, das ist eine der Aufgaben des Stadtteil-Service. Sieben gibt es in Wuppertal insgesamt, angeboten von verschiedenen Trägern. Einer von ihnen (Barmen - Ronsdorf) liegt nicht weit von der börse, direkt am Hesselnberg im Wichernhaus. Und deren Mitarbeiter hat man ganz bestimmt schon im Viertel herumlaufen sehen. Schließlich sind sie dank ihrer einheitlichen Kleidung mit dem Logo des „Stadtteil-Service“ unschwer zu erkennen.

Seit 13 Jahren gibt es das Angebot mittlerweile. Estela Ferrer ist von Anfang an dabei. „Unser Dienst ist kostenlos und richtet sich an Menschen, die bedürftig sind - und das nicht nur im finanziellen Sinn", erklärt die Sozialarbeiterin. Es sind Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr die Wohnung verlassen können, einsame, vergessene. Insgesamt 18 Mitarbeiter kümmern sich um sie – 15 von ihnen im Rahmen einer sogenannten „Arbeitsgelegenheit" (Ein-Euro-Jobber). Andreas Rzymek, mit Unterbrechung seit acht Jahren im Team und einer von drei Festangestellten, hat in seiner Zeit viel erlebt und weiß, wie unterschiedlich die Bedürfnisse der Menschen sind. „Manche begleiten wir zum Arzt, gehen mit ihnen spazieren, shoppen ins Lieblingsgeschäft, auf den Friedhof oder begleiten sie beim Einkauf. Und im Gegensatz zu anderen Anbietern haben wir die Möglichkeit, uns Zeit zu nehmen", sagt Rzymek. Und das bedeutet den – überwiegend älteren – Menschen besonders viel. „Manchmal heißt es nur, dass sie im Supermarkt in aller Ruhe nach ihren Lieblingsprodukten schauen können, aber das ist ihnen wichtig."

Ich muss schmunzeln, weil ich das von meiner eigenen Mutter kenne. Sie ist 87 und wenn ihr jemand nicht die „richtige" Butter mitbringt äußerst unzufrieden. Und einkaufen unter Zeitdruck – das würde sie übel stressen. Menschen mit Zeit und Geduld, die sie begleiten, ihr beim Laufen Sicherheit geben und die schweren Einkäufe in die Wohnung tragen, was für ein Geschenk! Doch leider lebt meine Mutter nicht in Wuppertal ...

Die Aufgaben des Stadtteil-Service reichen aber sehr viel weiter. Auch in Alten- und Pflegeheimen sind die Mitarbeiter aktiv, lesen den Bewohnern vor, spielen mit ihnen, hören einfach zu. Beim Büchermarkt in der Pauluskirche, Konzerten von Klangkosmos Weltmusik oder Stadtteilfesten helfen sie beim Aufbau, schauen bei Spielplätzen, Parks und öffentlichen Plätzen nach dem Rechten und melden, wenn dort etwas kaputt ist. Kurzum: Sie sorgen für eine bessere Lebensqualität im Quartier und wollen das soziale Miteinander stärken. Andreas Rzymek, wie die anderen ebenfalls vorher langzeitarbeitslos, genießt diese Arbeit. „Mir bringt das enorm viel", erklärt er, „die meisten Menschen sind sehr dankbar und schließlich werde ich ja auch mal alt und möchte dann nicht ganz allein sein."

Gerade zu Beginn sei die Kontaktaufnahme jedoch gar nicht so leicht, erzählt Estela Ferrer. „Es kostet Überwindung, uns anzusprechen, zu gestehen, dass man allein ist und Hilfe braucht. Andere haben auch Angst die fremden Menschen in ihre Wohnung, in ihr Leben zu lassen, sich ihnen anzuvertrauen. Diese Skepsis gilt es erst einmal zu überwinden." Seit diesem Frühjahr hat die wichtige Arbeit des Stadtteil-Service jedoch einen ganz anderen Feind: Corona. Die Kontaktbeschränkungen machen es den Mitarbeitern unmöglich, sich bei den Menschen aufzuhalten, Nähe aufzubauen. Einkäufe können oft nur noch vor die Tür gestellt werden, die gemeinsame Zeit ist gestrichen. „Die Leute sind durch Corona jetzt völlig isoliert", beklagt Ferrer. Sie fürchtet, dass die Auflagen noch größer werden und die Menschen gar nicht mehr aus ihren Wohnungen kommen. „Wir sind oft deren einziger Kontakt."

Dennoch sollte sich erst mal niemand scheuen, sich beim Stadtteil-Service zu melden, der Hilfe benötigt oder Fragen hat – sei es telefonisch im Wichernhaus oder ganz persönlich bei den Mitarbeitern während ihrer Touren durchs Quartier.

Kontakt:
Wichernhaus Wuppertal gemeinnützige GmbH
Hesselnberg 97
42285 Wuppertal
Tel.: 0202/98 06-388
Estela Ferrer: 0202/98 06-341
www.wichernhaus-wtal.de

Foto: Nicole Bolz

Nicole Bolz - Journalistin, Wuppertalerin. Immer neugierig, oft kritisch. Fragemonster und Buchstabendompteuse. Anzutreffen bergauf und bergab im schönsten Tal an der Wupper.

 Das Projekt "Stadtteilschreiber" wird

Euch fällt was Berichtenswertes ein? Dann eine E-Mail an stadtteilschreiber@dieboerse-wtal.de!

Uns interessiert Ihre Meinung:
captcha

Veröffentlicht am 23.10.2020

powered by webEdition CMS