*|Der Stadtteilschreiber findet den Ort der Begegnung der Südstadt

O CAPTAIN! MY CAPTAIN! DIE BÄCKEREI ALS ORT DER BEGEGNUNG

Obwohl es ein Vierteljahrhundert her ist, dass ich im Einzelhandel und in der Gastronomie gejobbt habe, ist der Impuls, Kundschaft zu begrüßen und zu verabschieden, nach wie vor sehr ausgeprägt. Und da ich ja keine „eigene" Kundschaft mehr habe, nehme ich eben fremde.

Kundschaft gibt es heute Morgen reichlich in der Bäckerei Steinbrink; ich schmettere jedem - an einem Tisch sitzend und Cappuccino trinkend - ein freundliches „Guten Morgen!" entgegen. Manchmal sogar eher als die beiden Verkäuferinnen, die jedes Mal irritiert zu mir rüber schauen.

Gelernt ist gelernt, denk ich. Und das ist gut, bin ich doch zum Nachdenken in die Südstadt gegangen. Funktioniert aber gerade nicht wirklich, weil hier einfach viel zu viel los ist. Ich hab' ihn offenbar gefunden, DEN Ort der Begegnung im Stadtteil. Staunend höre ich, wie Verkäuferin A Verkäuferin B ehrfürchtig „Mein General" nennt, womit von der Rangordnung her Verkäuferin B wohl eindeutig Verkäuferin A sein dürfte.

Der General - genau genommen also die Generalin - hat hier freundlich-bestimmt alles unter Kontrolle, so viel ist sicher. Sie duldet mein Gegrüße, ihr Blick macht mir aber unmissverständlich klar: Sollte ich es übertreiben, werde ich in der Backstube an den Offen gekettet. „Tschö-hö, ebenso", hör' ich mich einer eiligen Kundin zurufen, die noch einen schönen Tag gewünscht hat. So in den Laden hineingesagt, im Grunde ja dann allen. Mir auch. Da gibt es keinen Grund, nicht nett zu sein. Nachgerückt ist an der Bäckereitheke gerade ein älterer, etwas verwirrter Herr.

Hier legt die Generalin jetzt ihre ganze Professionalität an den Tag. Sie beantwortet geduldig seltsame Fragen, lacht über noch seltsamere Witze und gibt dem Mann das Gefühl, jederzeit mit Fragen und Witzen willkommen zu sein. Ich bin beeindruckt. Als sie in der Folge einer sehr zittrigen, halbblinden Greisin erst die Tür aufhält, sie dann zur Theke begleitet, ihr liebevoll ein Brot schneidet und verpackt, das Kleingeld aus der Hand zählt und sie wieder bis auf die Straße begleitet, bin ich bewegt. Warum kann nicht die ganze Welt so funktionieren wie diese Bäckerei?

Was für einen Stellenwert die Generalin hat, wird mir bewusst, als ich einen Kunden freundlich verabschiede - in diesem Fall als einziger, sind die beiden Damen vermutlich in der Backstube. Der Kunde nimmt mich allerdings gar nicht wahr. Es ist nicht dasselbe, ob SIE oder ein Fremder dich verabschiedet. Voller Demut blicke ich auf den krümeligen Tisch. Und als wäre es bis hier nicht schon genug an Dramaturgie für einen offenbar nicht ganz gewöhnlichen Morgen, bietet die Generalin noch mal alles an Empathie auf, was um die Uhrzeit so geht.

Eine ältere Kundin beklagt nämlich ausführlich ihren aktuellen Gesundheitszustand, der sich wirklich bedrohlich anhört und mir als Hypochonder augenblicklich körperliche Schmerzen bereitet. Meine Generalin zieht alle Register. Sie tätschelt der Kundin Hände, seufzt an den richtigen Stellen und tröstet mit Worten wie „Is ja schrecklich", „Kannste dir nich ausdenken" und „Dann jetzt aber schnell auffe Couch und Füße hoch" - quasi das Carpe Diem des kleinen Mannes. Und in diesem Moment großer Ergriffenheit möchte ich wie im „Club der toten Dichter" auf den Bäckereitisch steigen und rufen „O Captain! My Captain!" Mach ich aber nicht, weil ich Angst habe angekettet zu werden.

Stattdessen verlasse ich diesen Ort der großen Gefühle; natürlich nicht ohne ordnungsgemäße Verabschiedung: „Ich wünsche Ihnen allen hier, dass der Tag so grandios weitergehen möge! Wir werden uns bald schon wiedersehen, denn dies ist ein besonderer Ort!" Dann gehe ich über die Straße und betrete die türkische Bäckerei Seyran. Hier an den gegenüberliegenden Ecken der Weststraße/Kieselstraße existieren nämlich zwei Bäckereien in unmittelbarer Nähe. Zum einen funktioniert das, weil das Sortiment unterschiedlicher nicht sein könnte. Zum anderen - und da bin ich mir ganz sicher - ist hier einfach Love, Peace & Happiness in der Luft.

Ich rufe ein freundliches „Merhaba" in die Runde.

Foto: Jörg Degenkolb-Degerli

+++ Projekt-Ticker +++ Wie könnte eine neue Ökonomie aussehen, die heutigen und zukünftigen Generationen und dem Schutz von Klima und Natur gerecht wird? Dieser Frage geht Liesbeth Bakker (ideaalwerk) mit ihrem Vortrag „Wirtschaft ohne Wachstumsstreben: Chaos oder Chance?" im Rahmen der Reihe „die börse 4 future" am 20.11. nach. +++

+++ Projekt-Ticker +++ Im neuen „Erzählsalon" kommen Menschen aus den Quartieren Hesselnberg und Südstadt zu Wort. Gäste der Auftaktveranstaltung am 11.12. um 19 Uhr im Roten Salon sind Selly Wane, die seit einigen Jahren das Café Swane leitet, sowie Imam Sy, der in den 90ern als 17-jähriger Austauschschüler aus Senegal ein Jahr in Ostfriesland lebte. Ebenfalls zum Thema „Alte Heimat - neue Heimat?" erzählt die gebürtige Französin Danielle Bouchet eine Kurzgeschichte aus ihrem Leben. Jörg Degenkolb-Degerli, der seit April als Stadtteilschreiber aus den Quartieren Hesselnberg und Südstadt berichtet, wird den „Erzählsalon" moderieren. +++

+++ Projekt-Ticker +++ Der „Erzählsalon"-Auftakt findet im Rahmen des Forum Hesselnberg-Südstadt und dieses ausnahmsweise um 19 Uhr statt. +++

+++ Projekt-Ticker +++ Der Menschenrechte-Chor probt derzeit für das neue Programm, das es am 7.12. in einem Weihnachtskonzert in der „börse" zu hören gibt. Der Chor möchte noch größer und bunter werden und freut sich deshalb über weitere Neugierige und Interessierte (menschenrechtechor@dieboerse-wtal.de). +++

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Veröffentlicht am 15.11.2019

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