*|Der Stadteilschreiber besucht den Skulpturenpark Waldfrieden

NIX ANFASSEN IM PARK? HOW DARE YOU, TONI KROOS??

Er hatte von Anfang an nicht meine oberste Priorität für eine Berichterstattung. Zwar thront der Skulpturenpark am Kopfe des Quartiers Hesselnberg; genau das macht ihn aber eben zu einem ganz eigenen Kosmos für Kunsttouristen. Geführte Kindergruppen sind okay - Skulpturen anfassen natürlich verboten. Ich wurde kürzlich Zeuge, als eine 33-köpfige Rasselbande im Rahmen eines Ferienprojekts hier durchgeführt wurde.

Ich muss lachen. Ein Reisebus voller niederländischer Touristen legt den Hesselnberg lahm; ich sitze wartend im Auto, weil es an dem Reiseriesen kein Vorbeikommen gibt. Circa 60 oder 70 Senioren werden den Anstieg hochkomplementiert, um sich die Ausstellung von Joan Miró anschauen zu können. Ich vermute mal, bis ich selbst da oben angekommen bin, sitzt die Gruppe bereits im Café und schwärmt von diesem kunstvollen Park, den dieser Dings, dieser englische Bildhauer für sie angelegt hat.

„Toni Kroos", höre ich einen Jungen schreien. „Der Künstler heißt Toni Kroos!" Die erwachsenen Begleiter der Kindergruppe lachen. „Cragg heißt der Mann. Tony Cragg." Ich finde diese Kinder vor dem Hintergrund der in Denkerpose verharrenden Erwachsenen so unglaublich erfrischend. Wir kommen ins Gespräch. Fotografieren darf ich nicht. Aber in nicht allzu auffälligem Abstand die Gruppe begleiten, das geht. Ich folge der geführten Kindermannschaft mit offenen Ohren und Augen.

Mindestens sechs oder sieben Nationalitäten kann ich bei den Kindern, die überwiegend im Grundschulalter sind, zählen. Europäische, arabische, afrikanische. Alle gleichermaßen unbedarft, teils neugierig, teils extrem gelangweilt. Kinder unterschiedlichster Herkunft im Kunstpark eines Engländers, der derzeit Skulpturen eines spanisch-katalanischen Bildhauers zeigt, für den als junger Mann nicht Spanien, sondern Paris richtungsweisend war; wenn - wie kürzlich einmal festgestellt - Teilhabe Integration bedeutet, dann findet jetzt hier in diesem Moment Integration statt. Theoretisch.

„Toll, diese Skulpturen", höre ich jetzt einen etwa 8-Jährigen rufen. „Aber wer ist dieser Miró, von dem die Frau immer spricht?" „Ja, aber das ist doch der Künstler, dessen Arbeiten hier momentan ausgestellt werden", erläutert die sehr geduldige Frau, die durch die Ausstellung führt und erfreulich ruhig bleibt, als sie zum gefühlt eine Millionsten Mal anmerken muss: „Nicht anfassen!" Mit dem Leben in Wuppertal hat all das natürlich gar nichts zu tun. Die Touristen fahren ein paar hundert Meter durch die City zurück auf die Autobahn, um zu Hause - vermutlich wieder in Denkerpose - von dem künstlerischen Reichtum in dieser Stadt bei Düsseldorf zu berichten.

Die Kinder werden sich fortan wohl an etwas „Außerirdisches" erinnern, das sie mal betreten und angucken durften, das aber eigentlich nicht für sie gemacht ist. Sie werden sich daran erinnern, dass die Großen sie dort halt geduldet haben. Im schlimmsten Fall werden sie so ein Gefühl von Oben und Unten abspeichern und das Gegenteil von guten Social Skills. Und Erbsensuppe, die, hätte man ein Gespür für kindliche Bedürfnisse, bei einem solchen Anlass eher nicht auf den Tisch käme. Aber: Ein Integrationsansatz - nicht auf Einladung, sondern von den Projektleitern angestoßen - ist das ja schon mal. Außerdem hat der Skulpturenpark ja auch ein eigenes pädagogisches Angebot für Kinder und Jugendliche im Programm: skulpturenpark-waldfrieden.de/bildung/themen-fuer-kinder.html

Ich persönlich mag hier im Park übrigens am meisten den Wald.

 

 

Fotos: Jörg Degenkolb-Degerli

+++ Projekt-Ticker +++ Am 6. November sitzt ab 17 Uhr wieder das Forum Hesselnberg-Südstadt in der „börse" zusammen. Einmal im Monat treffen sich hier Interessierte, um sich mit den Nachbarn über Tops und Flops, Bedarfe und Ideen im und für das eigene Viertel auszutauschen, quartierbezogene Projekte zu planen und gemeinsam umzusetzen. +++

+++ Projekt-Ticker +++ Im November runden zwei Vorträge mit anschließender Diskussion die „börse 4 future"-Reihe ab. Über die immer wieder auftretende Diskrepanz von Klimaschutz und Umweltschutz berichtet Sascha Samadi vom Wuppertal Institut am 6.11. und fragt: Wie kann die Energiewende naturverträglich gelingen?
Wie könnte eine neue Ökonomie aussehen, die heutigen und zukünftigen Generationen und dem Schutz von Klima und Natur gerecht wird? Dieser Frage geht Liesbeth Bakker (ideaalwerk) mit ihrem Vortrag Wirtschaft ohne Wachstumsstreben: Chaos oder Chance? am 20.11. nach. +++

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Veröffentlicht am 02.11.2019

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