*|Die Stadtteilschreiberin bei Südstadtkennerin Gabriele Mahnert

Hurra, die Stadtteilschreiberin ist da! Die Journalistin Nicole Bolz tritt dem Stadtteilschreiber Jörg Degenkolb-Degerli mal zur Seite, mal gegenüber und schaut sich mit ihrem ganz eigenen Blick nach dem Leben in der Südstadt und am Hesselnberg um.

KINDHEIT, ARBEIT, LEBEN: WIE DIE SÜDSTADT GEBRIELE MAHNERT GEPRÄGT HAT - UND UMGEKEHRT

Sie lebt zwar seit ein paar Jahren am Arrenberg, dennoch ist Gabriele Mahnert eine echte Kennerin des Quartiers: aufgewachsen in der oberen Südstadt, Schulzeit an der Distelbeck und im Schulzentrum Süd und schließlich nach ein paar Jahren die Rückkehr in die Augustastraße. Und so ganz nebenbei leitete die Sozialpädagogin mehr als zehn Jahre das Jugendzentrum der Diakonie in der Hopfenstraße. Wenn sie heute auf ihr ehemaliges Viertel schaut, stimmt sie das traurig. „Inzwischen sind viele der früheren Strukturen kaputt gegangen."

 „Wenn Du mal eine richtig gute Gesprächspartnerin zum Thema Südstadt brauchst, dann funk doch mal Gabriele Mahnert an." Diesen Tipp bekam ich neulich von einer Freundin. Mahnert? Wurde die nicht gerade zur ersten Grüne Bezirksbürgermeisterin gewählt? Jawoll, genau die. Also, ganz altmodisch zum Hörer gegriffen und angerufen. Eigentlich wären wir am liebsten gemeinsam durch die Straßen gegangen und ich hätte mir direkt vor Ort von ihr alles zeigen lassen. Doch, man muss es nicht weiter erklären, Corona lässt auch uns lieber Abstand halten. Also bleiben wir physisch am Arrenberg und in der Nordstadt, während unsere Gedanken sich in der Südstadt treffen und dort flanieren.

Als „lebende Strukturmaßnahme" bezeichnet sich Gabriele Mahnert gern ironisch, wenn es um das Ende ihrer Zeit als Leiterin des Jugendtreffs geht. „Die Gemeinde musste 2003 die Einrichtung schließen. Finanziell hatten viele Kirchengemeinden zu kämpfen; es wurden Kirchen geschlossen. Neben mir wurden 2003 auch fünf Gemeindeschwestern der Diakonie entlassen. Auch das hat sicher seinen Teil zur strukturellen Veränderung im Stadtteil beigetragen." Wie Recht sie hat. Es sind Anlaufstellen wie diese, die in den oft anonymen Vierteln fehlen. Personen, die man kennt, die ansprechbar sind – für Jugendliche ebenso wie für ältere Menschen – und die wiederum die Bewohner in ihrem Viertel kennen - mit ihren Sorgen und Problemen.

Im Gespräch blickt die 59-Jährige etwas wehmütig auf diese Zeit zurück. „Die Diakonie hat damals gut erkannt, wo ein Jugendzentrum Sinn macht und die Einrichtung in der Hopfenstraße geschaffen. Zu uns kamen Kids aus allen Schichten und wir haben bei allen Angeboten stets darauf geachtet, dass auch finanziell niemand ausgeschlossen wird. Das war uns immer wichtig." Aus allen Stadtteilen seien die Jugendlichen damals in die Südstadt gekommen – von der Nordstadt, vom Arrenberg, auch aus Unterbarmen. Es gab auch, so die engagierte Politikerin, drei Jahre lang für 15 Schüler der umliegenden Schulen die Möglichkeit, ein Mittagessen dort bekommen. „Damals gab es noch keine Übermittagsbetreuung oder Schulmittagessen."

Und an noch etwas erinnert sich Gabriele Mahnert: „Wenn wir zum Beispiel gemeinsam gekocht haben und die Jugendlichen davor einkaufen gingen, dann mussten sie einfach nur ein paar Ecken weiter gehen und haben dort alles bekommen." Lebensmittel, Bäckereien, auch ein Haushaltswarengeschäft habe es dort gegeben. „Man konnte eigentlich alles vor Ort erledigen – persönliche Beratung und Service inklusive." Als die Diakonie das Jugendzentrum 2003 schließen musste, hatte das Läden-Sterben bereits begonnen. Die Veränderung war absehbar. Und so verlor die Südstadt – wie viele andere Stadtteile auch - Stück für Stück ihr Gesicht, ihre Struktur. Heute sei das Quartier eine „Schlafstadt", sagt Mahnert betrübt. Man wisse zwar um die Folgen der Isolation, Einsamkeit und Anonymität in solchen reinen Wohnvierteln, es sei aber von städtischer Seite „extrem schwer, dagegen zu steuern".

Dass sie heute am Arrenberg lebt, hat rein private Gründe. Noch immer verbindet Mahnert viel mit der Südstadt. „Man ist tatsächlich schnell im Wald von dort und es gibt auch einige Parks, die heute viel genutzt werden. Der ÖPNV ist dank der Uni auch ein Plus. Aber es fehlen einfach Treffpunkte, Geschäfte, vielleicht ein Café. Ich würde mich freuen, wenn auch die Kirchen mal wieder einen gezielten Blick auf solche Stadtteile werfen und mehr Angebote machen. Immerhin haben sie auch eine diakonische Aufgabe." Die diplomierte Sozialpädagogin denkt über Stadtteilkonferenzen nach, bei denen man gezielt Ideen und Konzepte entwickeln könne. Über die Reaktivierung einer Zwischennutzungsagentur, mit deren Hilfe man leerstehende Ladenlokale wieder mit Leben füllen könne. Auch eine Veränderung der Verkehrssituation sei vielleicht sinnvoll ... Die Ideen sprudeln geradezu aus ihr heraus.

Später, unser Gespräch ist längst beendet, schickt sie mir noch eine Mail. „Das Gespräch hat mir Spaß gemacht." Mir auch, liebe Frau Mahnert. Und ich wünsche mir, dass sie genug Energie besitzen, für diese Ideen in Politik und Verwaltung zu werben.

Gabriele Mahnert, Foto: NRW Stiftung 

Nicole Bolz - Journalistin, Wuppertalerin. Immer neugierig, oft kritisch. Fragemonster und Buchstabendompteuse. Anzutreffen bergauf und bergab im schönsten Tal an der Wupper.


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Veröffentlicht am 04.12.2020

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