*|Der Stadtteilschreiber leistet Schreibhilfe

SIE KAMEN, SAHEN UND SCHRIEBEN - DIE SCHREIBWERKSTATT TRÄGT WORTREICHE FRÜCHTE

Unser tägliches Umfeld - Räume, Menschen, Gegenden - erscheinen uns normalerweise als völlig selbstverständlich und eben alltäglich. Geschärft wird die Wahrnehmung immer dann, wenn sich etwas verändert (hat). Wir kommen von einer Reise nach Hause und bei aller Vertrautheit liegt da doch irgendwie noch was Neues in der Luft. Oder wir begegnen einem Menschen plötzlich nicht mehr.

Die Sinne zu schärfen, für Orte, Dinge und Details, war die erste Übung in meiner Schreibwerkstatt „Stadtteilgeschichten". Dass man dazu nicht einmal das Haus verlassen muss, war einer Teilnehmerin nicht so ganz geheuer, habe sie nach eigener Aussage doch überhaupt keine Phantasie, um etwas zu erfinden. Es sollte sich - für mich wie erwartet - ganz anders zeigen.

Die Teilnehmer:innen mussten gar nicht lange die vorgelegten Fotos mit Orten aus der Südstadt und dem Hesselnberg betrachten, schon stolperten sie neben den wesentlichen Merkmalen über Details, die sie zu ersten kleinen Geschichten inspirierten. Über die Beschreibung einer jeweils aus mehreren vorgelegten Fotos selbst ausgewählten Tür näherten wir uns einer weiteren Disziplin: der Auseinandersetzung mit dem Menschen.

Wer wohnt hinter dieser Tür? Wie lang schon? Und warum? Fragen, die man sich als Stadtteilschreiber immer wieder stellt - und die in Zeiten einer Pandemie noch schwerer als sonst zu beantworten sind. Aber dafür hat man ja die Phantasie. Wir alle! Die Teilnehmer:innen ließen jedenfalls schnell erahnen, was sich Schönes, Nachdenkliches, Lustiges, Erschütterndes oder auch Geheimnisvolles hinter manch einer Tür verbirgt.

Einmal ganz bewusst beim Menschen angekommen, liegen sie auch schon vor einem: die vielen Emotionen, die vielen Möglichkeiten zu leben, die unterschiedlichsten Äußerlichkeiten, die feinen Nuancen und Überraschungen, vielleicht Abgründe ... wenn Schreiben eines bedeutet, dann auf jeden Fall Empathie. Wie ist jemand, und warum? Weiß ich etwas darüber, oder vermute ich es nur? Erfundene Figuren muss man dazu befragen, um sie zu begreifen.

Aus diesem Grund stellten die Teilnehmer:innen in einer weiteren Übung Beziehungen her, wechselten die Perspektiven, blickten letztlich aus dem Haus heraus auf sich selbst, und als ob das nicht genug wäre, traten sie auch noch in einen Dialog mit teils real existierenden, aber letztlich doch fiktional ausgeschmückten Figuren.

Was hat das Ganze nun mit „Stadtteilgeschichten" zu tun? Ein geschärfter Blick und eine Bewusstmachung der Umgebung können uns eben in die Lage versetzen, mehr zu sehen und zu hören und zu spüren und zu verstehen, direkt in der Nachbarschaft, auf der Straße, dem Spielplatz, in der Warteschlange an der Supermarktkasse. Eine vorerst letzte Übung war das bewusste Wahrnehmen der eigenen Anreise ins Quartier, egal ob zu Fuß, motorisiert oder mit Bus und Bahn. Denn auch Stadtteilschreiber:innen empfinden irgendwann vieles als selbstverständlich und eben alltäglich.

So kreativ und produktiv die Teilnehmer:innen waren, so erfreulich urteilten sie abschließend in einem potentiellen Blog-Beitrag über die Schreibwerkstatt. Ich freu mich schon aufs nächste Mal!

„Ganz sicher jedoch habe ich ab jetzt immer einen Block und Stift dabei, wenn ich durch die Südstadt streife." (Teilnehmerin Ulli)

„Dem Stadtteilschreiber Jörg D.-D. ist es mit seinen konkreten Aufgabenstellungen gelungen, vielfältige und interessante Geschichten aus jedem einzelnen Kursteilnehmer heraus zu kitzeln." (Teilnehmerin Meena)

„Sehr wichtig war es, sich die eigenen Texte in der Gruppe gegenseitig vorzulesen und somit auch über die unterschiedlichen Sichtweisen, Stile oder Interpretationen der jeweils gleichen Aufgabe reflektieren zu können. Zusammenfassende Kommentare von Jörg stärkten das Erfahrene und Gelernte." (Teilnehmer Detlef)

„Trotz anfänglicher Skepsis und Überwindung der Trägheit von Körper und Geist war die Schreibwerkstatt ein spannendes, anregendes Erlebnis. Es war Training für den Geist - unbedingt empfehlenswert!" (Teilnehmerin Danielle)

Texte zusammenbauen - die Schreibwerkstatt in Aktion

Foto: Jörg Degenkolb-Degerli

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Eine Fortsetzung der Schreibwerkstatt mit Stadtteilschreiber Jörg Degenkolb-Degerli findet am 22.09. um 18:30 Uhr in der börse statt.

Am 06. + 13.11.21, jeweils von 11-14 Uhr  bieten wir eine weitere Schreibwerkstatt mit der Autorin Christiane Gibiec an.

Anmelden könnt ihr euch per Mail an stadtteilschreiber@dieboerse-wtal.de

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Veröffentlicht am 30.08.2021

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