*|Wohnen in der Südstadt

KEINE GATHE - WOHNEN IM KLEINEREN ÜBEL?!

Ganz in der Nähe der Blankstraße ist dem Stadtteilschreiber Mehdi Sh. begegnet (Der komplette Name ist der Redaktion bekannt). Der gebürtige Iraner ist von seinem Wohnviertel nicht sehr angetan. Unter einem Namenkürzel ist er auch bereit zu erzählen, was genau ihn stört. Jörg Degenkolb-Degerli hat ihn in seiner Wohnung interviewt.

„Mit Niveau dort, ohne Niveau hier!" Mehdi Sh. zeigt zunächst auf die Gegend jenseits der Blankstraße und dann auf seinen Balkonboden, stellvertretend für das Hochhaus und überhaupt: die ganze Siedlung. Seit 1986 lebt er nun schon in Wuppertal, immer im Süden der Stadt. Einst wohnte er auf der Seite „mit Niveau" - aber was soll das eigentlich heißen?

„Da haben nur Deutsche gelebt. Alles war gepflegt und der Umgang kultiviert. Aber vor allem: Man konnte miteinander reden." In Mehdi Sh.s jetzigem Block leben hunderte Neuankömmlinge, die wohl größtenteils kein Deutsch sprechen; ein Umstand, der den 60-Jährigen auf die Palme bringt. „Die leben hier Heimat in der Heimat", echauffiert er sich und betont: „Das gefällt mir ganz und gar nicht!"

Heimat in der Heimat bedeutet: Die gewohnte Art zu leben inklusive der Muttersprache, nur jetzt eben mitten in Wuppertal, direkt in Mehdis Hood. „Warum bemühen sie sich nicht, die Sprache zu lernen?", ärgert er sich. „Ich wollte immer Teil der Gesellschaft sein und wurde zur Seite gedrängt." Abgebrochenes BWL-Studium damals, autodidaktisch Deutsch gelernt, alle möglichen Fulltime- und Nebenjobs gemacht, schließlich offiziell nicht mehr vermittelbar - Mehdi Sh. und seine Familie können keine großen Sprünge machen.

„Ich verspüre schon auch Benachteiligung und Ungerechtigkeit, ja. Und das belastet mich", erzählt er in wirklich gutem Deutsch. „Alles, was mich hier noch hält, ist die Zukunft unseres Sohnes", ergänzt er etwas resigniert. „Meine Familie und ich ... im Grunde sind wir hier nur unter uns." Damit meint er allerdings ausschließlich sein Wohnviertel, haben die Sh.s doch einen großen Freundes- und Bekanntenkreis in der ganzen Stadt. „Und zwar quer durch alle möglichen Nationalitäten", entschärft Mehdi den Eindruck von Fremdenfeindlichkeit.

Er wirkt nicht verbittert, wenn er spricht, auf jeden Fall aber politikverdrossen; hadert mit dem Demokratiebegriff, mit der Europa-Idee, und sagt schließlich etwas, das aus dem Mund eines Menschen mit Migrationshintergrund immer wieder aufs Neue absurd klingt: „Die Jahre mit Helmut Kohl als Kanzler waren letztlich die besten." Die Europapolitik hingegen habe für Deutschland nur Nachteile; angefangen beim Euro, bis hin zu den offenen Grenzen, die „das Niveau" vor der Haustür zur Folge haben.

Dann ist ja alles ganz schön schlimm dort in Mehdis Quartier, oder? „Ach, was soll ich mich beklagen?! Eigentlich ist ja alles ruhig. Keine Randale, keine Schlägereien wie auf der Gathe oder so. Außerdem ist man sehr schnell in der City, im Zentrum, und da oben hinter dem Seniorenstift, da ist ein Park, und sogar ein Wald, da geh ich mit meiner Frau manchmal spazieren. Wenn man älter wird, ist man ja auch empfindlicher. Lieber Natur als Disco." Jetzt lächelt Mehdi Sh. versöhnlich. „Andere Länder, andere Sitten", sinniert er. „Jede Blume riecht anders. Aber keine so gut wie die aus der Heimat."

 

 

Foto: Blick vom Balkon, Jörg Degenkolb-Degerli

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Veröffentlicht am 26.04.2019

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