*|Munir Alubaidi - eingereicht am 16.5.2020

Friedrich Engels - VORGESTERN, GESTERN, MORGEN?

Friedrich Engels und mein Dorf

Vorgestern
Ich wurde 1949 in Buhriz geboren. Es ist ein irakisches Dorf, das an einem großen Fluss namens Diyala etwa 65 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Bagdad liegt. So klein war das Dorf, dass man es auf der Karte nicht finden kann. Es gab im Dorf zahlreichen Orangen- und Dattelpalmenplantagen. Fast jede Familie hat eine kleine Obstplantage gehabt. Das war die Basis für eine besondere soziale Zusammensetzung. Diese bedeutet, dass die Dorfbewohner der Mittelschicht angehörten und somit ein gutes Einkommen erzielen konnten.

Ich weiß nicht, wie weit Buhriz von Barmen, Engels Geburtsort, entfernt ist. Ich weiß aber, dass viele in Buhriz Engels kannten. Einige kannten ihn sogar gut und lasen seine Bücher. Bücher von Engels und Marx wurden in den 1930er und 1949er Jahren ins Arabische übersetzt.

Im Dorf gab es keine sehr reichen und daher auch keine sehr armen Menschen. Die „Kapitalisten" waren selbst die „Arbeiter". Die Besitzer der Plantagen hatten mit ihren Familienmitgliedern in ihren eigenen Plantagen und Feldern ohne Lohnarbeiter gearbeitet. Das Dorf hat selten Verbrechen erlebt. Eine Form der Solidarität wurde von den Plantagenbesitzern und anderen wohllebenden Menschen ausgeübt, wonach ein Teil der Ernte an die Minderheit verteilt wurde, die keine Plantagen hatte. Hier gab es kein Proletariat und keinen Klassenstreit.

In Bezug auf solchen sozialen Beziehungen habe ich mir eine Frage gestellt, die ich nicht beantworten konnte: Warum gab es im Dorf so viele Kommunisten, Sozialisten oder Marxisten? Warum sollte eine solche ländliche Gesellschaft von sozialistischen Ideen, die meistens von außen kamen, beeinflusst werden?

Nicht nur die marxistischen und sozialistischen Intellektuellen haben Engels und Marx gekannt, sondern auch die Nationalisten. Da sie auch etwas darüber wissen wollten, um mit den Anhängern von Marx und Engels zu debattieren.

Ich kann mich daran gut erinnern, dass sich mein Vater und seine Freunde in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts regelmäßig trafen. Sie saßen an einem Tisch, tranken Raki und redeten über Politik.

Unter den Freunden meines Vaters war einer namens Abdul-Wahab. Er war Kommunist und gründete im Jahr 1948 mit 4 Partner eine kleine Bibliothek. Seine Partner stammen aus muslimischen und jüdischen Familien. Die Bibliothek befindet sich auf dem Dorfmarkt. Hier findet man verschiedene Bücher, aber hauptsächlich marxistische.

Eine Person besuchte die Bibliothek täglich, nahm ein Buch mit und brachte es am nächsten Tag zurück. Abdul-Wahab und seine Partner waren erstaunt, wie schnell er diese Bücher lesen konnte. Schließlich fanden sie heraus, dass diese Person mit der Geheimpolizei kollaboriert hatte. Er hat die Bücher nicht gelesen, sondern er hat die Buchtitel und die Namen der Autoren aufgelistet und die Liste der Geheimpolizei übergegeben.

Da die Ausleihe von Bibliotheken fast kostenlos war und man Bücher für wenig oder gar kein Geld ausleihen konnte, bezweifelte die Geheimpolizei, dass die Bibliothek von einer Oppositionspartei finanziert oder unterstützt wurde. Letztendlich wurden Abdul-Wahab und andere Mitbegründer der Bibliothek festgenommen und kurz danach freigelassen. Die Bibliothek wurde aber endgültig geschlossen, da sie tatsächlich von der kommunistischen Partei unterstützt wurde. Das konnte die Polizei aber nicht beweisen.

Jahre später wurde Abdul-Wahab erneut verhaftet und er verbrachte mehrere Jahre im Alsalman-Gefängnis. Das Gefängnis befand sich in der westlichen Wüste Iraks, wo es keine strengen Vorschriften gab, weil niemand aus dem Gefängnis entkommen konnte. Es fand nur einen Fluchtversuch statt, der zu einem dramatischen Ende führte; Ein zum Tode verurteilter Militärpilot floh aus dem Gefängnis. Ein Beduine sollte ihm helfen, Bagdad zu erreichen. Der Beduine kam nicht. Tage später wurde er verdurstet in der Wüste gefunden.

Die Gefängnisverwaltung wusste, dass das Gefängnis tief in der Wüste und weit von den Städten entfernt lag und die Familien der Gefangenen konnten ihre Verwandten sehr selten besuchen. Um zu vermeiden, dass eine Situation entsteht, die zu einer Rebellion führen könnte, gewährte die Verwaltung den Gefangenen viele Vorteile, die in den anderen Gefängnissen nicht verfügbar waren. Sie erlaubte den Gefangenen zum Beispiel, eine Bibliothek einzurichten. Wenn die Angehörigen der Gefangenen sie besuchen kamen, brachten sie Bücher mit. Und so wuchs die Bibliothek Schritt für Schritt. Da die Gefangenen ausschließlich aus Kommunisten und anderen marxistischen Fraktionen bestanden, hatten die Bücher in der Bibliothek die gleiche Ausrichtung.

Abdul- Wahab wurde 1957 aus dem Gefängnis entlassen. Im Jahr 1958 fand ein Militärputsch im Irak statt. Ein General strömte mit seinen Soldaten in den königlichen Palast und tötete den König und mehrere seiner Familienmitglieder, darunter die Großmutter und vier weitere Frauen, obwohl sie unbewaffnet waren und ihre Hände als Kapitulationssignal erhoben hatten.

Mein Vater, Abdul-Wahab und die Kommunisten unterstützten den Putsch. Sie nannten ihn einfach "Revolution". Die Sowjetregierung kündigte sofort an, dass sie die "Revolution" unterstützten. Das neue Regime im Irak war nach Angaben der Sowjetregierung und natürlich der Kommunisten ein Antiimperialismusregime. Die Sowjetregierung berücksichtigte nicht, dass die Putschisten unschuldige Menschen getötet haben und dass ein Militärputsch den Irak zur Instabilität führen könnte. Die Haltung der Sowjetregierung spiegelte die egoistische Politik der Sowjetunion und die kurzsichtige Position der Kommunisten wider. Der Putsch öffnete offensichtlich die Tür für immer mehr Staatsstreiche. Nach mehreren erfolglosen Versuchen stürzte schließlich eine Militärgruppe im Jahr 1963 die Regierung und tötete den General, seine Anhänger und Hunderte von Kommunisten.

Gestern
Moskau 1977
Mein Vater starb kurz nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahr 1964. Er war schwach, krank und frustriert. 1977 ging ich nach Moskau, um am Institut für Sozialwissenschaften zu studieren. Es war eine Institution der Regierungspartei in der ehemaligen Sowjetunion und direkt mit dem Zentralkomitee verbunden. Studenten aus 40 Ländern haben hier Marxismus-Leninismus studiert.

Einmal pro Woche trafen sich die verschiedenen Studentengruppen in der großen Halle des Instituts, um Sagladins Vortrag zu hören. Sagladin war ein Kandidat des Zentralkomitees und Leiter des Instituts. Er war intelligent, attraktiv und galt später als der eigentliche Architekt von Glasnost, Perestroika und Außenpolitik. Seine Vorträge waren eigentlich eine Serie von indirekten Antworten zu den wichtigsten Fragen, die von Studenten aus allen Kontinenten der Welt gestellt wurden. Er beachtete aber besonders die Fragen europäischer Studenten.

An diesem Institut konnten nur diejenigen studieren, die von ihren sozialistischen und kommunistischen Parteien nominiert wurden.
Die Studenten aus Westeuropa schienen den meisten Professoren des Instituts "nervig" zu sein. Sie hatten die liberale Demokratie erlebt und für sie waren Freiheit, Menschenrechte und politisch Pluralisierung Ecksteine ihres Lebens.

Sie waren realistischer als Studenten aus dem Nahen Osten und beschäftigten sich eher mit Fakten als mit Vorurteilen. Sie dachten, dass Lebensereignisse und Erfahrungen das Recht hatten, die Theorie zu modifizieren. Im Gegensatz dazu wurden wir von der Lehre beeinflusst: Lebensereignisse müssen der Theorie gehorchen. Wenn etwas, das für die Theorie ungeeignet ist, im realistischen Leben passiert ist, sollte es die Schuld der Realität sein. Und ohne es zu merken, verwandelten sich Marx und Engels Gedanken in eine Religion und ihre Texte in Verse.

Als ich mein Studium in Moskau beendet hatte, kehrte ich nach Hause zurück. Ich war immer noch Kommunist, aber nicht derselbe, der vor der Reise nach Moskau war gewesen. In der Sowjetunion habe ich viele Nachteile gesehen und erlebt. Sie waren eigentlich keine einfachen Fehler, sondern klare strukturelle und systematische Probleme. Außerdem habe ich von den anderen Studenten neue Gedanken gelernt und neue Informationen bekommen. Die Situation in den Ländern Westeuropas zum Beispiel war nicht so schlecht, wie es in der sozialistischen Propaganda geschildert wurde. Ich bin flexibler als zuvor geworden und weniger dogmatisch.

Einige Monate nach meiner Rückkehr wurde ich von den Geheimdiensten verhaftet und gefoltert. Trotz erheblicher Schwierigkeiten habe ich meine Kameraden nicht verraten. Ich habe jedoch beschlossen, die Politik für immer aufzugeben und meine Zeit in Zukunft Kultur und Kunst zu widmen.

Arbeitslos und frustriert entschied ich, Engels und Marx Bücher noch einmal zu lesen. Engels Bücher waren einfacher als die von Marx. Sie enthielten das, was ich damals dringend brauchte: Philosophie. Die Philosophie ist die Basis für ein umfassendes und koordiniertes Denken. Sie orchestriert die vielfältigen Ideen. Die Ideen klingen dann in Harmonie wie Musik. Die Philosophie hilft mir, die Welt um uns herum zu verstehen.

Diesmal war meine Lektüre anderes als zuvor. Die Bücher habe ich mit freiem Verstand gelesen. Zu den Büchern von Engels gehörten: „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats", „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie", „Anti-Dühring", „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung der Affen".

Für mich waren die ersten zwei Bücher die wichtigsten.
Engels unsterbliche Leistung ist der dialektische Materialismus und seine Anwendung zur Neuinterpretation historischer Ereignisse, nämlich des historischen Materialismus. Mit Marx gründete er einen Denkmechanismus, der von seinen Kritikern besser als von seinen Anhängern genutzt wurde. Die Gedanken und Denkweisen von Engels und Marx schlichen sich in der kollektiven Wahrnehmung unserer Welt ein. Denker, Künstler, Schriftsteller üben meist unbewusst, aber auch bewusst die Denkweise, die bereits von Engels und Marx begründet wurde.

Inhalt und Form
„Je größer die Vision, umso eingeschränkter die Sprache" ( al-Niffarī, ein Sufi Mystik, der im 10 Jahrhundert im jetzigen Irak lebte)
Als Manet 1863 das Gemälde "Le Déjeuner sur l'herbe" zum ersten Mal ausstellte, markierte er die Geburt des Impressionismus. Das Bild enthielt tatsächlich noch wenige Elemente des reifen  Impressionismus, allerdings zerstörte Manet mit diesem Bild viele strenge Regeln der alten Malerei und ebnete den Weg für einen revolutionären Malstil, der später die Grundlage für die Kunst des 20 Jahrhunderts geworden ist.

Kein anderer aufstrebender Kunststil im 19. Jahrhundert spiegelte das Aufkommen der Bourgeoisie als führende soziale Klasse so wider wie der Impressionismus. Die Merkmale dieser Klasse zu dieser Zeit wurden besonders in Renoirs späteren Gemälden geschildert. So kann der Betrachter die fröhliche Stimmung und den Optimismus der Bourgeoisie in Renoirs Gemälden deutlich erkennen. Im Jahre 1789 hat die französische Bourgeoisie ihren politischen Sieg geschafft. Wie üblich dauerte es noch eine Weile, auch den kulturellen Sieg zu erringen.

Die Entstehung des Impressionismus war keine Performance, welchen die Erfinder mit klarem Bewusstsein ergriffen hatten. Es basiert vielmehr auf der Tatsache, dass die Avantgarde-Maler feststellten, dass die neuen Vorstellungen, Ideen und dynamischen Inhalte nicht mehr mit dem alten Malstil widerspiegelt werden konnte.
Irgendwann verhindert die Form, dass der Inhalt sich weiterentwickelt.

Erst, als der Inhalt eine geeignete Form angenommen hatte, entwickelte er sich weiter. Natürlich waren sich die Avantgarde-Maler der dialektischen Gesetze, die zur Entstehung eines so großen Phänomens führten, nicht bewusst. Sie wurden von ihren Gefühlen und Instinkte geführt.

Die neue Klasse mit solch Optimismus und fröhlicher Stimmung fand das dunkle Innere der Paläste der Adligen unangenehm. Sie fanden auch das Verhalten der Adligen zu offiziell und langweilig. Die Produktionsverhältnisse zwangen die Bourgeoisie mit einem breiten Spektrum der Bevölkerung zu handeln. Sie blieben nicht wie die Adligen isoliert, waren überall und sichtbar.

Der gemeinsame Optimismus motivierte die Maler, im Freien und unter Sonnenlicht zu malen. Dafür brauchten sie eine neue Palette. Braun und Schwarz wurden aus der Palette der Impressionisten entfernt. Van Gogh bat seinen Bruder Theo in einem Brief, ihm Ölfarben zu schicken. Die Farbliste enthielt nur die Hauptfarben. Die Veränderung der impressionistischen Palette war keine technische Angelegenheit, sondern ein Indikator eines gesellschaftlichen Wandels.

Jede Kunstrichtung hat ihre eigene soziale Basis und Vertreter. Sobald eine neue Kunstrichtung entstand, spitzte sich der Streit zwischen den Anhängern und den Gegnern der neuen Richtung zu; Mozart gegen Salieri, Delacroix gegen Ingers, Impressionisten gegen „Salon de Paris".

Fast ein Jahrhundert nach der Entstehung des Impressionismus, veränderte sich die arabische Poesie dramatisch. Die frühere Form der arabischen Poesie war uralt, streng und tief in der Kulturgeschichte der Araber verwurzelt. Diese Form war für Konservative und Nationalisten heilig und unantastbar. Es war daher kein Zufall, dass die neue Form der arabischen Poesie vom linken und Liberalen Dichter entwickelt wurde. In den 1950er und 1960er Jahren spaltete sich die Intellektuellen; einerseits diejenigen, die die neue Form unterstützten, andererseits diejenigen, die dagegen waren.

Die Antworten auf die Frage: Warum haben sich die Ausdrucksstile der Kreativitätsprodukte geändert? liefern uns auch die beste Erklärung auf die Frage: Wie funktionieren die Grundgesetzte der Dialektik? Sie funktionieren nicht als einzelne Faktoren, sondern zusammen. Sie kreuzen sich und formulieren ein Netzwerk von Gründen und Ergebnissen, in denen das Ergebnis ein Grund sein wird.

Die Einheit und der Kampf der Gegensätze erwiesen sich als treibende Kräfte in der Beziehung zwischen Form und Inhalt. Der Inhalt kann nicht ohne Form existieren. Jeder Inhalt ist geformt. Der Inhalt ist revolutionär, die Form jedoch konservativ. Der Inhalt wächst ständig, die Form kann nur gebrochen und ersetzt werden. Der Inhalt entwickelt sich quantitativ, die Form nur qualitativ. Der Inhalt rebelliert, wenn die Form zu eng ist, da er sich bemüht, einen breiten Rahmen zu erlangen, um sich frei zu bewegen. Der Form gibt nicht auf. Der Kampf zwischen Form und Inhalt endete mit dem Sieg des Inhalts, sobald er eine geeignete Form gefunden hatte.

Im obigen Beispiel kann man verfolgen, wie die anderen zwei Grundgesetzte der Dialektik „Umschlag von Quantität in Qualität" und „Negation der Negation" funktionieren. Da der Inhalt für eine Weile, ohne mit der Form in Konflikt zu geraten, akkumuliert. Nur wenn die Akkumulation einen kritischen Punkt erreicht, ist eine qualitative Änderung unvermeidlich. Das Ergebnis ist nicht anders als "die Negation der Negation". Weil dieser Status ein Glied in einer endlosen Kette ist, die sowohl Vergangenheit als auch Zukunft hat.

Diese Bewegungsgesetze liefern uns einen Schlüssel zum Verständnis von Ereignissen in der Natur, der menschlichen Gesellschaft und im Denkmechanismus. Das ist jedoch nur durch die Gesetze des dialektischen Materialismus, die von Engels und Marx neu formuliert und weiterentwickelt wurden, möglich geworden.

Morgen
Obwohl Engels und Marx Vorhersagen auf den dialektischen Gesetzen beruhten, waren sie nicht immer richtig, insbesondere jene, die mit dem Schicksal des Kapitalismus zusammenhängen. Wenn man den gescheiterten "Sozialismus" in der Sowjetunion und deren Satellitenstaaten auch berücksichtigt, versteht man besser, warum die neue Generation von den Ideen Engels und dem Sozialismus abweicht.

Die Rolle des Proletariats wurde ebenfalls übertrieben. Das Proletariat war nicht fähig, die Gesellschaft zu einem neuen Sozialsystem zu führen. Wenn es überhaupt möglich wäre, eine "qualitative" Veränderung herbeizuführen, wäre es eher die Aufgabe einer breiten sozialen Mischung, der das Proletariat und die Intellektuellen umfasste.

Es ist auch wahr, dass "Sozialismus" in China Staatskapitalismus ist. Trotz des weltweit führenden Wirtschaftswachstums, mangelt es China an Demokratie und Menschenrechten. China wird ebenfalls von einer einzigen Partei geführt.

Laut den Begründern des Sozialismus ist das ultimative Ziel des Sozialismus der Mensch und seine Freiheit. Was blieb dann von Engels?

1. Obwohl er ein reicher "Kapitalist" war, beschloss er, die Interessen des Proletariats zu verteidigen. (In seinem Testament hinterließ Engels ein Barvermögen von ca. 30.000 £ (etwa 600.000 Goldmark).) (Wikipedia). Als Denker und Organisator widmete er sich den Zielen, an die er glaubte. Er hatte eine integre Persönlichkeit und begeisterte sich für humanistische Ideen.
Ist die Tatsache, dass Engels ehrlich war und eine integre Persönlichkeit hatte, für uns 125 Jahre nach seinem Tod wichtig? Warum sollten moralische Werte, die zwischen Tausenden verfügbar sind, für Menschen wie Engels besonders wichtig sein?
Ehrlichkeit und Integrität sind überall wichtig. Sie sind jedoch besonders wichtig für diejenigen, die in den Bereichen Politik, Soziologie und Anthropologie beschäftigt sind.

2. Engels materialisierte die Dialektik von Hegel, begründete mit Marx den dialektischen Materialismus. Daher wird die Einheit der Welt in der Materie, die ewig und unendlich ist, begründet. Diesen Gedanken widmete er sein Buch „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie".

3. Er interpretierte die historischen Ereignisse nach dem neuen Konzept der Dialektik. Damit begründete er den historischen Materialismus. Zu diesem Zweck schrieb er sein Buch „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats".

4. In seinem Buch „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats" charakterisierte Engels drei Hauptepochen der sozialen Entwicklung. Er fand, dass der Wechsel der Epochen mit dem Wechsel der Produktion des Lebens verbunden ist.

Der Mechanismus des Denkens

Die Hauptleistung Friedrich Engels, zusammen mit Karl Marx, ist die Begründung einer neuen Denkweise. Als die Menschen anfingen zu denken, dachten sie zuerst passiv. Die Gedanken waren einfache Reflexionen von Gegenständen. Mit Hilfe der neu entstehenden Sprache, wurden die Gegenstände allmählich von ihren konkreten Formen und Details abstrahiert und unter Begriffe kategorisiert. Ein Begriff ist immer eine Abstraktion. Die Abstraktion ließ von Objekten nur das Wesentliche und Gemeinsame übrig. Die Begriffe tauchten zuerst mündlich auf, so dass eine kurze Aussage anderen Menschen ein Bild des Gegenstands übermittelte. Damit wurden die Gedanken erheblich entwickelt. Wenn eine Person „Baum" sagt, wurde die Stimme von einer anderen Person aufgenommen und sofort in ein Bild umgewandelt. Anstelle einer Stimme sieht man ein Objekt mit einem Stamm, Zweigen und grünen Blättern.

Die höchste Phase der Entwicklung der Sprache war es, durch Gedanken andere Gedanken zu erzeugen. Denkweisen haben sich immer geändert. Auch hier gilt das dialektische Bewegungsgesetz „Umschlag von Quantität in Qualität". Lange Zeit Akkumulieren die Gedanken, ohne dass eine neue Denkweise erforderlich ist. Im Laufe der Zeit wird eine bestimmte Denkweise zu einer Stagnation führen. In diesem Fall ist eine neue Denkweise erforderlich.

Der dialektische Materialismus ist eine Denkweise, die mir geholfen hat, die Welt um mich herum richtig zu verstehen. es gab und gibt mir immer noch einen Schlüssel, mit dem ich Angelegenheiten in den Bereichen Kunst, Literatur, Politik und Gesellschaft besser verstehen kann. Diese Denkweise schlich sich in das gemeinsame Denksystem ein. Zahlreiche Denker, Forscher, aber auch gewöhnliche Menschen haben bis zu dem einen oder anderen Grad, bewusst oder unbewusst den dialektischen Denkmechanismus übernommen.

Die gescheiterten "sozialistischen" Systeme in der ehemaligen Sowjetunion, den Satellitenstaaten und China haben unsere Welt trotz des Scheiterns beeinflusst. Ich habe 1977 mit meinem Professor in Moskau über „Herausforderung und Antwort" gesprochen. Damit meinte ich, dass das sozialistische System eine Herausforderung für das kapitalistische System darstellte. Viele Vorteile des sozialistischen Systems zwangen die Länder Westeuropas und Amerikas, Reformen durchzuführen, um soziale Unruhen zu vermeiden. Der Kapitalismus am Ende des 20. Jahrhunderts war nicht derselbe wie zu Beginn des Jahrhunderts.

Engels und Literatur
Engels beschreibt das Zeitalter vor jeder Arbeitsteilung und Staatsgründung wie folgt:
„Ohne Soldaten, Gendarmen und Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter, ohne Gefängnisse, ohne Prozesse geht alles seinen geregelten Gang. Allen Zank und Streit entscheidet die Gesamtheit derer, die es angeht, die Gens oder der Stamm, oder die einzelnen Gentes unter sich ... die Haushaltung ist einer Reihe von Familien gemein und kommunistisch, der Boden ist Stammesbesitz, nur die Gärtchen sind den Haushaltungen vorläufig zugewiesen –, so braucht man doch nicht eine Spur unsres weitläufigen und verwickelten Verwaltungsapparats. Die Beteiligten entscheiden, und in den meisten Fällen hat jahrhundertelanger Gebrauch bereits alles geregelt. Arme und Bedürftige kann es nicht geben – die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Kriege Gelähmte. Alle sind gleich und frei – auch die Weiber. Für Sklaven ist noch kein Raum, für Unterjochung fremder Stämme in der Regel auch noch nicht."– Der Ursprung der Familie, MEW 21, S. 95–96

Zufällig war ich in den letzten 6 Monaten damit beschäftigt, einen Roman namens „Die Schicksalsgasse" zu schreiben. Der unvollendete Roman erzählt Geschichten über unser Dorf und die Gasse, in der ich geboren wurde. Ich beschreibe das Dorf und die Gesellschaftsverhältnisse in der Zeit vom Ende des 19 Jahrhunderts bis zum Anfang des 20 Jahrhundert mit diesen Wörtern:
„Die Führer des Dorfes versuchten so viel wie möglich, die Probleme zwischen den Dorfbewohnern zu lösen, ohne die Zwangskraft der Regierungen zu lassen, in den Dorfangelegenheiten einzumischen. Sie stellten fest, dass die isolierten Gesellschaften, ihr eigenes Selbstmanagement besser etablieren könnten, als es von fremden Machtkörpern, die durch verallgemeinerte Gesetze verwaltet werden konnte. Diese Maßnahmen unterstützten den sozialen Frieden.
Eines Tages ist alles zu Ende gegangen. Zwischen dem Bau des Alsuhrawardi-Schreins am Rande des vergangenen Jahrhunderts und der Geburt eines neuen Jahrhunderts fanden viele Ereignisse statt, insbesondere der Erste Weltkrieg und die Ankunft von englischen Armeeeinheiten von dem Süden des Dorfs durch den Fluss Diyala."


Im Jahr 1975, fast ein Jahrhundert nach Friedrich Engels Buch „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats" wurde ein Film mit dem Titel „Man Friday" produziert. Dieser Film ist eine neue Version des berühmten klassischen Romans „Robinson Crusoe": Im 18. Jahrhundert wurde ein europäischer Mann gezwungen, für Jahre an einem Strand einer isolierten Insel zu leben, nachdem sein Schiff gesunken war. Auf dieser Insel hat Crusoe eine Gruppe von Kannibalen angegriffen und alle erschossen, außer einem. Er nahm den Überlebenden in seine Hütte mit und fing an, ihn zu „zivilisieren". Er lehrte ihn Englisch und nannte ihn Friday (Freitag).

Das Bild ist nun: Ein europäischer zivilisierter Mensch lebt weit weg von seiner industriellen Gesellschaft, besitzt aber immer noch die europäische Mentalität. Er wird begleitet von einem „Wilden" Mann, der keine Ahnung davon hat, was privates Eigentum, Geld, Waren, Kaufen und Verkaufen usw. bedeuten und welchen Sinn diese Begriffe haben. Die Stammesleute, zu denen „Friday" gehörte, kannten keine Produktion. Um zu überleben jagten sie Tiere und sammelten wilde Früchte. Alle Dinge, die der Stamm besaß, gehörten jedem. Jede Frau gehörte jedem Mann und kann mit jedem schlafen, die Kinder waren nicht die Kinder eines einzigen Mannes, sondern die Kinder des ganzen Stamms.
Als Robinson Crusoe „Freitag" etwas gab, was dieser als „sein" Eigentum annehmen sollte, konnte Freitag nicht verstehen, was der Begriff „dein" oder „mein" bedeutet, da es das Possessivpronomen in seiner Sprache nicht gab.

Die Fantasie, die zum Schreiben der Geschichte dieses Films geführt hat, erklärt mir, dass manche philosophischen oder wirtschaftlichen Texte – wie z.B. „Das Kapital" und „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats" durch andere literarische Texte neu beleuchtet werden können.

Die folgenden Gedanken sind noch nicht finalisiert. Ich habe oft darüber nachgedacht, aber keine kohärenten Antworten gefunden.

1. Alle politischen Systeme, die den Marxismus als Ideologie angenommen hatten, hatten ihre Länder zum Totalitarismus geführt. Dieses Phänomen ließ vermuten, dass etwas in den Kernideen von Engels und Marx dazu führte. Viele Marxisten versuchen, den Marxismus davon zu entschuldigen. Ebenso versuchen viele Muslime, den Islam nicht dafür verantwortlich zu machen, dass islamische Regime unter einem erheblichen Mangel an Demokratie und Menschenrechten leiden.
Wenn man jedoch die verschiedenen Ideen von Engels und Marx analysiert, stellt man fest, dass die politischen Ideen, nicht die philosophischen, dafür verantwortlich sind.
Die Tendenz, ein Phänomen zu verallgemeinern und auf pauschalisierten Basis zu beurteilen, war schon immer stark, da die Verallgemeinerung viel einfacher ist als das Zerlegen eines vielfältigen Phänomens.

2. Die Freiheit schafft sich ab
„Alles, was über seine Grenzen hinausgeht, verwandelt sich in sein eigenes Gegenteil"  (Altes arabisches Sprichwort)
Ich weiß es. Dieses Thema ist sensibel, sogar provokativ. Freiheit hat auch ihre eigenen Grenzen. Das klingt hier besonders paradox; Übermäßige Freiheit erzeugt Anti-Freiheit.

Munir Alubaidi, Berlin 16.05.2020

 

 

Munir Alubaidi
www.munir-alubaidi.de

Maler, Schriftsteller und Journalist

1949 wurde in Buhriz, Irak geboren
1970 Studium Geschichte an der Universität Bagdad abgeschlossen.
1976 Regionaler Leiter des Büros der oppositionellen Zeitung „Tariq Alscha'b" in der Provinz Diyala. zu diesem Zeitpunkt begann ich auch meine Artikel zu veröffentlichen.
1977 Studium der Politik und Sozialwissenschaft in Moskau am „Institut der Sozial Wissenschaft".
1970 - 1979 wurde ich zwei Mal aus politischen Gründen im Irak verhaftet und gefoltert.
1989 – 2018 acht Einzelausstellungen ,  mehrere Gruppen- Ausstellungen
1990 Veröffentlichung meiner ersten Kurzgeschichte „Dummheit" in Amman/Jordanien
2000 als Flüchtling nach Deutschland gekommen, der Antrag auf politisches Asyl wurde von den deutschen Behörden anerkannt.
2012 Erlangung der deutschen Staatsangehörigkeit.
Seit 2012 arbeite ich in meinem Atelier in Berlin.
2008- 2019 Leiter mehrerer Malkurse.
2017  Kurzgeschichte „Im Zug" vom Verlag R.G. Fischer ausgewählt und mit anderen 25 Geschichten im „Im Zaubergarten der Worte" veröffentlicht
2019 die Kurzgeschichte „Lieder aus Glas" hat im Literaturwettbewerb 2018/2019 „Frischer Wind in der Literatur" vom Verlag R. G. Fischer den 3. Preis gewonnen. Die Geschichte wurde in der Anthologie „Im Zaubergarten der Worte" veröffentlicht.
2019 die Kurzgeschichte „Meine Kindheit" wurde für die Doppelanthologie „Heimat Menschheit" vom Geest-Verlag ausgewählt und veröffentlicht.
2019 November, die Veröffentlichung meines Buches "Der Duft des Weihrauchs" durch den Verlag R. G. Fischer. ISBN: 978-3-86455-717-0

 

 

Essay von Herrn Munir Alubaidi

Ibrahim Sharif, am 17.08.2020 - 20:45

Was mir an diesem Essay auffällt und gefällt, ist zuerst der einfache, leicht verständliche Stil bei einem komplexen Thema. Zuerst wird das einfache, friedliche Dorfleben in einer nahöstlichen Kleinstadt beschrieben. Mit wenigen Sätzen wird der Leser in das dörfliche soziale und ökonomische Leben von Buhriz versetzt und lernt die Tätigkeit der Geheimpolizei und die aussichtslose Situation der politischen Gefangenen im „Alsalman-Gefängnis“ kennen. An dieser Stelle wäre ein kleiner Vergleich zu den heutigen Verhältnissen im Irak hilfreich gewesen. Verglichen mit heute war es früher „paradiesisch“. Warum gab es im kleinen Dorf so viel Linke? Vermutlich liegt es daran, dass die Leute lesen konnten, was die Bibliothek auf dem Dorfplatz beweist, und die Nationale Frage sie beschäftigte, zumal der Irak de facto von Großbritannien fast kolonisiert war. In „Vorgestern“ und „Gestern“ bemüht sich der Verfasser, eine ehrliche Selbstkritik zu üben und die egoistische Haltung der Sowjetunion zu erwähnen. Für irakische Marxisten ist dies eine Seltenheit. Interessant ist der Hinweis zu den Vorlesungen des Herrn Sagladin, dass dieser die Fragen der europäischen Studenten mehr beachtete. Daraus schließt man, dass die Studenten aus der Dritten Welt nicht gelernt hatten, kritische Fragen zu stellen. Meines Erachtens ist es bis heute so geblieben, was unsere Rückständigkeit u. a. erklärt. Außer Gott werden bei uns viele Erdenbürger geheiligt, zu viele rote Linien und unantastbare Gestalten. Mit anderen Worten: Gesteuerte Unwissenheit ist eine Massenvernichtungswaffe. Im Abschnitt „Inhalt und Form“ fragt man sich, was der Impressionismus und arabische Poesie mit Friedrich Engels zu tun haben. Dem Verfasser ist es geschickt gelungen, den Leser über diese Brücke in die Gesetze der Dialektik heranzuführen. Ein interessanter Versuch. Die Diskussion, ob Marx und Engels ganz oder teilweise recht hatten, muss man den Experten lassen. Als Leser nehme ich mit, dass Mensch und Natur im Mittelpunkt unserer Entscheidungen bleiben müssen. Abschließend empfehle ich dem Verfasser, dieses Essay auf arabischen WEB-Seiten zu veröffentlichen, was eine fruchtbare Diskussion auslösen könnte. Denn jedem Menschen wohnt instinktiv eine dialektische Denkweise inne, auch wenn sie nicht hoch entwickelt ist. Arabische junge Leser können von diesem Essay profitieren.
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Veröffentlicht am 16.05.2020

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