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"Schritte ins Freie" – Ein Filmporträt über den Wuppertaler Jazzpapst und Kulturvermittler E. Dieter Fränzel

Es hätte wohl keinen passenderen Ort gegeben als die börse, um das wunderbare Filmporträt über E. Dieter Fränzel zu zeigen. Denn diese dürfte es ohne Fränzel in dieser Form wohl nicht gegeben haben. 

Aber dies ist nur einer der vielen Facetten der hochgradig spannenden Lebensgeschichte Dieter Fränzels, der als junger Mann und Fabrikarbeiter zu dem unumkehrbaren Schluss kam: „Ich will anders sein!“ Angeregt durch die Lektüre des französischen Philosophen und Existenzialisten Sartre, entschloss er sich seinen ganz eigenen Weg durchs Leben zu gehen. Diese „Schritte ins Freie“, so der überaus passende Titel des Films, führten ihn unmittelbar in die Welt des Jazz. Es war eine Platte von Charlie Parker, dessen tonale Bebop-Explosionen, ihn magisch in die Welt des Jazz zogen. Und so begann Fränzel - learning by doing - Jazzkonzerte zu organisieren und entwickelte dabei sukzessive eine enorme Kennerschaft auf diesem Gebiet.

Als Mitte der 1960er Jahre aus der Studentenrevolte eine gesellschaftliche Transformation hervorging, erkannte Fränzel die Zeichen der Zeit. So gründete er das soziokulturelle Zentrum Impuls, das zu einer wichtigen Drehscheibe für Kunst, Literatur, Film und politische Diskurse wurde. Der Club avancierte zu einem Kristallisationspunkt der Jazz-Avantgarde. In einer Zeit, in der sich Wuppertal zu einem der international wichtigsten Zentren des Free-Jazz entwickelte, wirkte Fränzel als Netzwerker und Kommunikator der Bewegung.  Dass langhaarige Jugendliche hier das Sagen haben sollten, ganz im Sinne der politisierten Achtundsechziger, provozierte Konflikte mit den Stadtoberen und dem bürgerlichen Umfeld. Gegen viele Widerstände hielt Fränzel lange an seiner Idee fest und schuf so mit seinen Weggefährten einen Ort mit großer Strahlkraft, auch weit über die Grenzen Wuppertals hinaus, der als Blaupause für viele soziokulturelle Zentren diente. Ohne “Impuls“ gäbe es auch die von Fränzel mitbegründete Börse, der er bis in die Gegenwart als Ratgeber zur Seite stand, wohl nicht. 

Andreas Macat, der als Nicht-Wuppertaler durch seinen Freund Helmut Steidler in die Geschichte(n) rund um Dieter Fränzel eintauchte, fand das so faszinierend, dass er sich entschloss, darüber einen Film zu drehen. Entstanden ist ein wunderbarer Film, der nicht nur sehr einfühlsam den Lebensweg Dieter Fränzels in Gesprächen mit Wegbegleitern und Zeitzeugen nachzeichnet, sondern zugleich auch eine großartige Liebeserklärung ist an das kulturell lebendige Wuppertal. So tauchten die Zuschauer bei der Filmpremiere im übervollen Saal der börse ein in eine spannende und humorvoll dargebotene Zeitreise in 70 Jahre Wuppertaler Jazz- und Kulturgeschichte(n). Denn über diese enorme Zeitspanne organisierte Fränzel Konzerte, holte Jazz-Größen wie Charles Mingus nach Wuppertal und knüpfte dabei Kontakte zu zahllosen Musikerinnen und Musikern. Er war es auch, der die Free-Jazz-Legenden Peter Kowald und Peter Brötzmann zusammenbrachte. Sein Wirken reicht von den frühen Clubs und „Jazz-Katakomben“ der Fünfziger Jahre bis zu den Klangart-Konzerten im Skulpturenpark, die er für Tony Cragg realisierte. Dabei folgte Fränzel nicht ausgetretenen Pfaden, sondern beschritt oft unbekannte Wege. Das verband ihn mit Musikerinnen und Musiker wie Breuker, Hampel, Kowald, Brötzmann, von Schlippenbach, Carla Bley, Irene Schweizer und anderen.

Mit „Schritte ins Freie“ hat der Autor das Porträt eines Mannes geschaffen, der nicht im Rampenlicht der Bühne steht, aber die Musik- und Kulturszene über Wuppertal hinaus ganz wesentlich geprägt hat. Fränzels Medium ist das Ermöglichen, Anregen, Verbinden - ein Kulturschaffender, oder in seinen Worten gesprochen, ein Kulturarbeiter. Zugleich verdeutlicht der Film, dass Fränzels Geschichte auch die eines stetigen Akts der Befreiung ist - von den Fesseln der Fabrikarbeit, der Enge des Elternhauses, überholten Konventionen.

Heiner Bontrup

Andreas Macat, Lukas Hegemann und Dieter Fränzel im Gespräch nach der Filmvorführung. Foto: Helmut Steidler 

Andreas Macat, Jahrgang 1959, Sozialwissenschaftler und Museumsleiter im Ruhestand, lebt in Wuppertal. 

Helmut Steidler, Jahrgang 1949, lebt und arbeitet als Fotograf in Wuppertal. 

Dieter Fränzel, Jahrgang 1935, geboren in Wuppertal, Kulturarbeiter, Musikproduzent und Autor. 

Eine weitere Filmvorführung findet Sonntag, 18. Januar 18 Uhr im "ort" Luisenstrasse 116 statt.

 

Veröffentlicht am 01.12.2025

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