Zitate

    aus: Nazis sind Pop, Burkhard Schröder, Espresso Verlag, Berlin, 2000

"Der Streit um Worte bedeutet etwas: Er ist nicht überflüssig, sondern eine wichtige Front im politischen Kampf. Wer die Begriffe besetzt, seine Interpretation im gesellschaftlichen Diskurs zum Maßstab machen kann, der herrscht über die Köpfe der Mehrheit. Der Diskurs übersetzt gesellschaftliche Konflikte in Sprache, er ist nie neutral, sondern Partei. Er ist gleichzeitig Mittel und Zweck, worum und womit man kämpft, er ist die Macht, derer man sich zu bemächtigen sucht." (S. 9/10)


"Der Begriff der Nation sagt etwas darüber aus, wer dazugehört und wer nicht. "Ausländer" ist im strengen Sinne des Wortes eine juristische Kategorie: Ausländer ist, wer nicht zum Staatsvolk gehört. Das scheint unstrittig zu sein. Jemand, der in einem Land lebt, aber nicht Staatsbürger ist, besitzt weniger Rechte. Das ist in keinem Land der Welt anders. Die Menschenrechte gelten jedoch unabhängig von nationalen Vorschriften überall. (...) Der Artikel Eins des Grundgesetzes: "Die Würde des Menschen ist unantastbar" ist ein Menschenrecht, das nicht nur für Deutsche, sondern auch für Ausländer in Deutschland gilt.
Das Wort "Ausländer" wird in Deutschland aber in einem ganz anderen Sinn benutzt. Es umfasst im öffentlichen Sprachgebrauch Migranten, also Einwanderer, Asylbewerber, Touristen, die sich für eine kurze Zeit in Deutschland aufhalten - aber auch Menschen, die schon viele Jahre in Deutschland leben und dort bleiben wollen, denen aber bis jetzt der deutsche Pass verwehrt wurde. Man darf daran erinnern, dass die Christdemokraten jahrzehntelang behaupteten, Deutschland sei kein Einwanderungsland, obwohl fast jedem deutschen Großstadtbewohner ein Blick aus dem Fenster genügte, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Die real existierenden Einwanderer waren Menschen zweiter Klasse, mit minderen Rechten. (...) Solange die Mehrzahl der Einwanderer nicht Deutsche werden, ganz gleich, wie sie behandelt werden, produziert ihr Status permanent Rassismus." (S.14/15)


"Hans Magnus Enzensberger schreibt: "Obwohl der Idee der Nation nichts Handfestes mehr entspricht, lebt sie subjektiv, als Illusion, äußerst zäh weiter. Illusionen von solchen Ausmaßen sind aber ernst zu nehmen. Sie sind ihrerseits Realitäten, und zwar psychologische Realitäten von explosiver Kraft. Ich habe mich oft gefragt, was uns so fest an diese Zwangsvorstellungen fesselt. (...) Das Phantom der Nation stellt jedermann ein präfabriziertes seelisches Meublement zur Verfügung, in dem er sich preiswert einrichten kann. Noch dazu handelt es sich um ein Sortiment von der Stange, das die eigene Auswahl überflüssig macht und den enormen Vorzug hat, dass man es mit vielen anderen teilt. Das schafft eine gewisse behagliche Solidarität, wie man sie etwa unter Leuten beobachten kann, die dasselbe Automodell fahren." (S. 16/17)


"Ein "interkultureller Dialog" ist schon deshalb eine Farce, weil es festgefügte "Kulturen" gar nicht gibt. Kulturelle Identität ist immer ein dynamischer Prozess, immer eine Vermischung. Rassismus produziert hingegen die Idee, man gehöre einer Kultur der Herrschenden an, deren Vermischung mit einer anderen "fremden" Kultur Verfall und Zersetzung bedeutet. Gibt es demnach eine Vermischung von Christentum und Islam? Der Islam ist genausowenig eine "Kultur" wie die in Deutschland lebenden Türken alle gläubige Mohammedaner sind. Der islamische Glaube hat in Mitteleuropa weniger starke Wurzeln als das Judentum, er ist aber dennoch schon seit mehreren Jahrhunderten Teil der "deutschen Kultur". Wer soll also miteinander "interkulturell" worüber reden? Die preußischen Könige waren weitaus weltoffener und intellektuell flexibler als heutige deutsche Innenminister. Friedrich der Große verdankte seine militärischen Erfolge auch den Bataillonen muslimischer Bosniaken, den "preußischen Mohammedanern", die unter der grünen Fahne des Propheten ihrem neuen Heimatland Preußen dienten. Auch sie waren keine "Ausländer", sondern Preußen. Die preußischen Lanzenreiter, die "Ulanen", bekamen ihren Namen von den in Brandenburg siedelnden muslimisch-tatarischen Kleinadligen, den "Oghlani"." (S. 22/23)


"Es gibt keine Gewalt weil es Nazis gibt, sondern umgekerhrt: Nazis gibt es, weil die Ursachen rassistischer Gewalt - die ethnische, also rassistische Definition von Nation und Kultur, die soziale Diskriminierung der Migranten - nicht benannt, geschweige denn bekämpft werden." (S. 42)


    aus Eric Hobsbawm, "Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts"dtb, München, 1998

"Die Zerstörung der Vergangenheit, oder vielmehr die jenes sozialen Mechanismus, der die Gegenwartserfahrung mit derjenigen früherer Generationen verknüpft, ist eines der charakteristischsten und unheimlichsten Phänomene des späten 20. Jahrhunderts. Die meisten jungen Menschen am Ende dieses Jahrhunderts wachsen in einer Art permanenter Gegenwart auf, der jegliche organische Verbindung zur Vergangenheit ihrer eigenen Lebenszeit fehlt. Das läßt Historiker - deren Aufgabe es ist, in Erinnerung zu rufen, was andere vergessen haben - am Ende des zweiten Jahrtausends noch wichtiger werden als je zuvor. Und deshalb müssen sie auch mehr als nur Chronisten, Erinnerer und Materialsammler sein, obgleich auch dies nach wie vor zu ihren unerläßlichen Aufgaben gehört." (S. 17)


"(...) diese religiösen oder ideologischen Konfrontationen, mit denen unser Jahrhundert angefüllt war, türmen sich wie Barrikaden auf dem Weg des Historikers, dessen eigentliche Aufgabe nicht die Beurteilung ist, sondern vielmehr das Verstehen - sogar das Verstehen all dessen, was völlig unverständlich erscheint. Aber diesem Verständnis stehen nicht nur unsere leidenschaftlichen Überzeugungen im Wege, sondern auch die historischen Erfahrungen, die sie geprägt haben. Erstere sind noch relativ leicht zu überwinden, denn das oft zitierte französische Bonmot tout comprende c'est tout pardonner (alles zu verstehen heißt, alles zu vergeben) ist unwahr. Die Nazizeit in der deutschen Geschichte zu verstehen und sie in ihren historischen Kontext einzufügen heißt nicht, den Genozid zu vergeben. Kaum jemand jedenfalls, der in diesem außergewöhnlichen Jahrhundert gelebt hat, wird sich der Beurteilung enthalten können. Es ist das Verstehen, das uns allen schwerfällt." (S. 19)