Westdeutsche Zeitung, Freitag 21.09.2001

Das böse Mädchen im Netz der Kungeleien

Mit "German Angst" zeigt das Wupper Theater ein Mosaik um Vorurteile, Macht, Rassismus und Politik. Zur Premiere kam der Autor ins Haus der Jugend Barmen.

Von Kornelia Roßkothen

"German Angst" ist kein pädagogisches Stück für Jugendliche. Vielleicht waren die Schüler bei der Premiere gestern im Haus der Jugend Barmen deshalb so aufmerksam. Heike Beutel hat den Roman von Friedrich Ani für die Bühne eingerichtet, das Wupper Theater spielt.
Die Geschichte des Mädchens Lucy in "German Angst" erinnert an die des jungen Straftäters Mehmet, dessen Abschiebung in die Türkei Schlagzeilen machte. Tatsächlich, so sagte Friedrich Ani nach der Premiere, sei dies der realistische Kern für seinen Roman gewesen.
Die 14-jährige Lucy Arano, Tochter eines Nigerianers, der in München lebt, schlägt Jungs zusammen, klaut, hat ein flinkes Messer und ein großes Maul. Eine rechte Gruppierung, die "Aktion D", entführt Natalia Horn, die Freundin von Lucys Vater, und will so die Ausweisung des Mädchens erzwingen. Um Lucy herum spinnt sich ein Geflecht von Menschen und Interessen: ein eisenharter Staatsanwalt, ein unbeugsam gerechter Leiter der Ausländerbehörde, eine zynische Fernsehreporterin, ein schmieriger Möbelverkäufer und viele mehr.
Wie das alles zusammenhängt, bekommt man nicht bequem serviert, sondern muss es sich aus den vielen sehr kurzen Mosaik-Szenen zusammendenken. Das ist zumindest am Anfang ein bisschen schwierig, weil die sieben Schauspieler in diverse Rollen schlüpfen müssen, um das umfangreiche Personal darzustellen, das Ani für die Intrigen und Kungeleien um Lucy braucht. Wenn man aber verstanden hat, dass Oliver Dupont nicht nur als Kripo-Chef, sondern unter anderem auch als Lucys Anwalt auftaucht, kann man die großartige Arbeit des Wupper Theaters erst richtig ermessen.
Nur gute oder nur böse Charaktere gibt es bei Ani kaum, und entsprechend differenziert müssen die Schauspieler ihre viele Rollen bewältigen. Metin Seyran ist ein wunderbarer Vater, Michael Walz als Rossi wirkt auf die leise und tückische Art überzeugend und böse, und Oliver Dupont ist ein Meister der Wandlungen.
Trotz der Bemühungen des Schminanski-ähnlichen Polizisten Tabor Süden (Vedat Erincin) zieht sich die Schlinge immer enger zu. Das Happy End findet nicht statt. Dass Lucy nach so viel Katastrophen so schnell selbständig und selbstbewusst geworden sein soll, ist allerdings zumindest in der Bühnenfassung nicht glaubwürdig.
"Gibt es darin absichtlich soviel Gewalt?" wollte ein Schüler gestern von Autor Friedrich Ani wissen. "So etwas passiert eben", antwortete der, "und ich bin nicht dazu da, die Augen zuzumachen".